Geschichte

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Geschichte der nishiki-e Karikaturen von 1842 bis 1905

Die Tenpō-Reform war die dritte der drei grosen Reformen der Edo-Zeit und wurde ab dem 15. des 5. Monats 1841 unter dem Shogun Ieyoshi von Kanzler Mizuno Tadakuni durchgeführt. Diese Reform stand unter dem Motto "Verbot der Verschwendung" und betraf im Gegensatz zu den zwei vorangegangenen Reformen das ganze Volk. Alle Bereiche des täglichen Lebens wie Essen, Kleidung, Unterhaltung etc. waren betroffen. Innerhalb der ersten zwei Jahre wurden 178 Verbote an die Burger von Edo (machibure) ausgegeben. Das Unterhaltungs- und Vergnugungsgewerbe sowie der Theaterbetrieb aber auch Verlage waren von tief greifenden Verboten betroffen.

Im 12. Monat des Jahres 1841 wurden die jihon-tonya kabu nakama (Gilden fur Verleger populärer Unterhaltungsliteratur, Holschnitte etc.) sowie alle anderen Verlagsgilden aufgelöst, da sie ihre Zensuraufgaben nach Ansicht der Behörden nur mangelhaft wahrgenommen hatten. Am 3. Tag des 6. Monats des Jahres 1842 wurde schlieslich ein Gesetz zur Verlagskontrolle fur Bucher herausgegeben, welches die bisherige Selbstzensur der Gilden ersetzte. Schon bei der Kyōhō-Reform im Jahre 1722 waren die christliche Religion, unbesonnene Äuserungen, modische Trends, Karikaturen, erotische Darstellungen sowie Handel mit gefälschten Ahnenpässen etc. verboten worden. Im Laufe der Tenpō-Reform wurden diese bereits bestehenden Verbote noch verstärkt und weitere Verbote, wie das Kontrollsystem der Verlage und Autoren, kamen hinzu.

Dieses System wurde 15 Jahre lang bis 1858 durchgefuhrt, dann durften die Gilden sich aufgrund von wirtschaftlichen Grunden wieder selbst organisieren. In dieser Zeit wurde das Zensursystem vier Mal verändert:

  1. Ein Zensursiegel-Periode (nanushi tanfin jidai) (1843 - 11. Monat 1846)
  2. Zwei Zensursiegel-Periode (nanushi sōfin jidai) (12. Monat 1847 - 1. Monat 1852)
  3. Zwei Zensursiegel und Datumssiegel-Periode (nanushi sōfin to nengetsu-in no sanfin jidai) (2. Monat 1852 - 11.Monat 1853)
  4. Ein anonymes Zensursiegel und Datumssiegel-Periode (aratame to nengtstu no sōfin jidai) (12. Monat 1853 - 1857)

Am 4. Tag des 6. Monats 1842, einen Tag, nachdem das Gesetz zur allgemeinen Verlagskontrolle eingeführt worden war, wurde speziell für nishiki-e und Bildbänder ein Verbot (machibure) an die Bürger von Edo ausgegeben. Es gab nun auch in diesem Bereich keine Selbstzensur der Gilde mehr, sondern eine direkte Kontrolle des bakufu-Shogunats wie bereits bei den Büchern. Speziell betont wurde das Verbot, Kabuki-Schauspieler, Kurtisanen und Geishas abzubilden. Das Verkaufsverbot bestand nicht nur für Neudrucke, sondern auch für den Lagerbestand von bereits gedruckten Bildern. Auch Fächerbilder (uchiwa-e) waren von diesem Verbot betroffen. Im 11. Monat des Jahres 1842 kamen weitere Verbote für nishiki-e hinzu. Es durften nur noch bis zu acht verschiedene Farben verwendet werden, die Form nur noch die Ausmaße bis zu einem Triptychon annehmen und der Preis eines Bildes durfte 16 mon nicht übersteigen. Für die Verleger und Künstler von nishiki-e waren diese Verbote ein harter Schlag, da die bisherigen Hauptthemen jetzt verboten waren.

So stellten Kuniyoshi und seine Schüler (Yoshitora, Yoshitsuya, Yoshikazu, Yoshifuji, Yoshiiku, Yoshitoshi u.a.) von nun an die Themen humoristisch und satirisch dar, um die Darstellungsverbote zu umgehen. Humoristische Bilder, satirische Informationen, politische Karikaturen etc. wurden sehr populär. Im 8. Monat des Jahres 1843 erschien die berühmteste Politkarikatur über die Tenpō-Reform Minamoto Raikō-kō yakata tsuchigumo yōkai o nasu no zu. Dieses Bild schlug wie eine Bombe ein und wurde ein riesiger Erfolg. Der Verleger Ibaya Senzaburō ließ die Druckstöcke bereits kurz nach dem Erscheinen des Bildes vernichten, zog die noch nicht verkauften Bilder zurück und verhinderte so die Bestrafung von Kuniyoshi und seiner eigenen Person. Kuniyoshi produzierte weiterhin politische Karikaturen bis zu seinem Tod. Er stellte yakusha-e und bijinga in großer Zahl humoristisch dar und ersetzte die verbotene Abbildung der Darsteller mit Tieren oder Haushaltsgegenständen etc. als Travestien.
1845 musste Kanzler Mizuno Tadakuni zum zweiten Mal in seiner Karriere zurücktreten da die Tenpō-Reform gescheitert war. Dadurch lockerte sich der Vollzug der Verordnungen etwas und um 1846/47 begannen die nishiki-e wieder an Bedeutung zu gewinnen. In der Folge wurden nishiki-e Karikaturen massenhaft produziert und begannen somit zu einer Informationsquelle über aktuelle Geschehnisse zu werden.

Im 1. Monat des Jahres 1847 wurde im Kawarazaki Kabuki-Theater das totetsuru-ken (Ken ist ein Spiel für zwei oder mehr Personen, das mit den Händen gespielt wird. Es gibt verschiedene Versionen, eine davon ähnelt unserem heutigen „Schere, Stein, Papier“) uraufgeführt und löste einen regelrechten ken-Boom aus. Danach wurde dieses Thema der Schauspielporträts auf ken no e massenhaft verkauft. Nur von Kuniyoshi alleine sind ca. 60 verschiedene Bildarten erhalten. Bis in die Meiji-Zeit gab es immer wieder verschiedene Kabuki-ken-Aufführungen (kitsune-ken, sangoku-ken, Asakusa-ken, yonaoshi-ken, etc.) mit den dazugehörigen ken-Bildern, das ken-Motiv wurde aber auch bei vielen Karikaturen verwendet.
Vom Frühjahr bis Sommer 1849 entstand kurzzeitig ein Boom um drei Modegötter. Okina Inari Daimyōjin wurde in Nihonbashi verehrt. Datsueba in Naitō Shinjuku Shōjuin und Otake Dainichi-nyorai in Ryōgoku Ekōin. Diese meist sehr witzigen hayarigami-e, die diesen Boom bedienten, erfreuten sich zur damaligen Zeit einer außerordentlichen Beliebtheit.
Aber nicht nur Kuniyoshi, sondern auch Hiroshige, Hirokage oder Sadahide waren jeweils mit ihren Schülern im Bereich der Karikatur tätig. Massenhafte Parodien über berühmte Kabuki-Stücke sowie Bildserien (z.B.: „Die 53 Stationen des Tōkaidō“) aber auch Karikaturen über Bilder von Sehenswürdigkeiten entstanden.

1853 ankerte Kommodore Perry mit seinen schwarzen Schiffen vor Uraga. Anlässlich des in Panik geratende Shogunats und der sich daraus ergebenden Konfusion brachte Kuniyoshi die berühmte Karikatur Ukiyo Matabei meiga kitoku heraus. Weil das Bild so großen Erfolg hatte, gab es eine Untersuchung, aber Kuniyoshi kam unbehelligt davon.
Im 8. Monat des Jahres 1854 beging der damalige Superstar der Kabuki-Welt, der Schauspieler Ichikawa Danj?rō VIII, in ōsaka Selbstmord. Anlässlich seines Todes wurden 100 bis 300 verschiedene shini-e produziert. Diese gehören somit zum populärsten Thema dieser Kategorie. Shini-e kamen in der zweiten Hälfte der Edo-Zeit auf. Als Erinnerung an Verstorbene – meist berühmte Schauspieler oder andere Berühmtheiten – wurde ein Porträt ihres Lebens gezeichnet, oft in humorvoller Art.
Unglaubliche Popularität erreichten die nishiki-e Karikaturen jedoch mit den heute als namazu-e bezeichneten Erdbebenbildernanlässlich des großen Erdbebens in Edo am 2. Tag des 10. Monats des Jahres 1855. Sofort nach diesem Unglück entstanden massenhaft Bilder mit Wels-Motiven. Dieser Boom hielt jedoch nur ca. zweieinhalb Monate an, da sie am 14. Tag des 12. Monats des gleichen Jahres von der Regierung verboten wurden. Trotz dieses kurzen Zeitraums wurden große Mengen an Erdbebenbildern produziert. Damals wurden ca. 400 verschiedene Bilder verlegt, von welchen heute ca. 200 verschiedene Bildmotive bekannt sind. Auf den Bildern befinden sich weder Name des Künstlers noch Zensurstempel, da die Produktion aufgrund der Aktualität einerseits schnell gehen und andererseits wegen des Verbots der Abbildung von aktuellen Ereignissen auch anonym erfolgen musste.

1858 wurde ein Handelsvertrag mit US-Amerika abgeschlossen, danach auch mit Russland, England, Frankreich und den Niederlanden. Im Zuge dieser Verträge wurden die Häfen von Nagasaki, Hakodate und Yokohama für ausländische Schiffe geöffnet. Daraufhin entwickelte sich Yokohama rasch zu einer großen Handelsstadt, in der sich auch viele Ausländer niederließen. Die Yokohama-e befassten sich mit dem neuen Lebensstil der Ausländer und wurden sehr populär. Etliche dieser Bilder sind scherzhaften Inhalts.

1861 wurde die Schwester des tennō gegen ihren Willen aus politischen Gründen mit dem Shogun verheiratet, worüber einige Karikaturen entstanden.

Ab dem 4. Monat bis zum 7. Monat des Jahres1862 kursierte in Edo eine der größten Masernepidemien Japans. Lustige hashika-e entstanden als Talisman gegen die Krankheit. Es gab Verhaltensmaßregeln wie man sich vor der Krankheit schützen könne, aber auch Therapievorschläge.
Weiters wurde im 8. Monat des gleichen Jahres (1862) im Dorf Namamugi ein Engländer von Samurai eines daimyō-Zuges ermordet und drei Engländer verletzt. Dieser „Vorfall von Namamugi“ verursachte großes Aufsehen und schließlich forderten die Engländer eine beträchtliche Geldsumme als Wiedergutmachung. Zur Machtdemonstration fuhren sie mit Militärschiffen in die Bucht von Edo ein. Einwohner von Edo und Umgebung flüchteten in größter Eile. Über die Hysterie, die die Einwohner von Edo ergriff, erschienen etliche humorvolle awate-e.

1863-64 entstand eine Serie shōgun jōraku-e über das verbotene aktuelle Thema der Zeit, die Reise des Shoguns nach Kyōto. Alle „53 Stationen des Tōkaidō“ von Edo bis Kyōto sowie der Empfang im Kaiserpalast wurden travestiert dargestellt.
1864-65 wurde der Krieg zwischen dem Shogunat und dem Daimyat Chōsh? in vielen Karikaturen behandelt.
Von 1868 bis 1869 wurde zwischen dem Tokugawa Shogunat (sabaku-gun: bakufu, Aizu-han, Kuwana-han etc.) und den Anhängern des Kaisers(shinseifu-gun: Satsuma-han, Chōsh?-han etc.) der Boshin-Krieg ausgetragen. Nach dem japanischen Kalender heißt das Jahr 1868 boshin-Jahr. Zum Boshin-Krieg entstanden die sogenannten Boshin sensō-e Karikaturen. Diese bestanden aus Bildern von Kindern kodomo no asobi-e und Bildern von Erwachsenen otona no tawamure-e. Von allen Karikaturbildern wurde von dieser Kategorie die größte Anzahl produziert und bildete somit die Spitze des Karikaturbooms.
Nach der Meiji-Restauration 1868 wurde versucht, möglichst rasch westliche Kultur, Wissenschaft und Technik in Japan einzuführen. Japaner übernahmen den westlichen Lebensstil und westliche Ideologien. Es erfolgte jedoch keine ganzheitliche Übernahme, sondern stückchenweise wurden westliche mit traditionellen japanischen Elementen kombiniert. Die zu dieser Zeit entstandenen bunmei kaika-e thematisierten die Probleme, die durch die erzwungene Modernisierung entstanden, und machten sich über die teilweise grotesken Ergebnisse, z.B. in der Mode, lustig.

1873 gab es einen Hasen-Boom. Viele usagi-e mit Hasen-Motiven entstanden zu dieser Zeit.

1874 gab der Maler Kawanabe Kyōsai (der davor „verrückte Bilder“ über das Ende des bakufu gezeichnet hatte) eine Serie Kyōsai rakuga heraus. Diese beschäftigte sich auf ironische Weise mit der bunmei kaika der Meiji-Zeit. Tsukioka Yoshitoshi veröffentlichte im gleichen Jahr Tōkyō kaika kyōga meisho und kigen kurabe.

1877 wurde der Seinan sensō (Südwestlicher Krieg oder Satsuma-Rebellion) gegen die neue Meiji-Regierung von Saigō Takamori auf vielen Karikaturen, den Seinan sensō-e, dargestellt.

1881 begann Kobayashi Kiyochika, der bis zu diesem Zeitpunkt als Landschaftsmaler gearbeitet hatte, Karikaturen zu zeichnen und in der Marumaru Chinbun (1877 gegründet) zu arbeiten. Die von ihm herausgegebene Karikaturenserie Kiyochika ponchi wurde ein großer Erfolg. Daraufhin wurden immer weniger nishiki-e Karikaturen herausgegeben, da Holzschnitte im Gegensatz zu den neuen Techniken (Lithographie, Maschinendruck etc.) der Zeitungsherstellung weit komplizierter und damit zu teuer waren. Aufgaben wie die Information oder Unterhaltung der Bevölkerung wurden in Folge immer mehr vom neuen Medium Zeitung übernommen, bis die Zeitungskarikaturen schließlich die nishiki-e Karikaturen völlig ersetzten.

Über die zwei Kriege der Meiji-Zeit, den Sino-Japanischen Krieg (Nisshin sensō, 1894-95) und den Russisch-Japanischen Krieg (Nichiro-sensō, 1904-05) wurden jeweils noch Kriegskarikaturen Nisshin sensō-e und Nichiro sensō-e in der alten nishiki-e-Tradition angefertigt. Die japanische nishiki-e Karikatur, ein Kind der Tenpō-Reform, erlebte mit den Bildern über den Russisch-Japanischen Krieg von 1905 ihren letzten Boom.